Scheiden tut weh

Der Morgen des 25. November 2015 war grau und wolkenverhangen. Es schneite leicht, als der Wagen des Tierarztes vor unserem Haus hielt.

Der 25. November hat sich tief in unser Gedächtnis eingebrannt, als der Tag an dem wir unserem Boxerkind  Bajazzo Lebewohl sagen mussten. Nicht wollten. Nein. Mussten. So gern hätten wir das Weihnachtsfest mit ihm gefeiert und das neue Jahr begrüßt. So gern hätten wir noch viel mehr gemeinsame Zeit mit ihm verbracht, denn die bereits verbrachte Zeit ist niemals genug. In diesem Moment ist es auch nur wenig tröstlich, dass 8 gemeinsame Jahre hinter uns lagen. Nein, das tröstet kein bißchen in dieser schweren Stunde.

Der Abschied kam nicht unerwartet. Es wäre gelogen zu behaupteten, dass der Tag aus heiterem Himmel kam. Aber die Hoffnung ist immer wieder eine fiese Widersacherin. Wer weiß, vielleicht erholt Bajazzo sich doch noch einmal. Er hat es so oft bewiesen, dass er immer wieder dazu fähig ist. Diesmal war es anders. Es ist grausam, seinem treuen Hund in die Augen zu blicken und sagen zu müssen: „Ich kann dir nicht mehr helfen. So gern würde ich … aber ich kann es nicht mehr.“ Was es schlussendlich war, das ihn zu Fall brachte? Wir wissen es nicht. Ob Bajazzos Wille bis zum Schluss ungebrochen war? Ich meine ja, aber auch das weiß ich nicht mit Bestimmtheit. Etwas, das nur schwer zu ertragen ist.

Die Entscheidung zur aktiven Sterbehilfe ist keine leichte. Man fällt sie nicht einfach so zwischen Tür & Angel, aber man fällt sie aus Gründen der Vernunft und des Verstandes. Das meint man zumindest. Das Herz aber wehrt sich und ich meine der Schmerz beginnt nicht erst mit Eintritt des Todes. Das Herz trauert schon ab dem Augenblick, an dem man die Entscheidung „Euthanasie“ schweren Herzens getroffen hat. Die Zeit bis es dann soweit ist, ist grausam. Für Tier und Mensch. Hunde sind einfühlsame Wesen. Sie merken sehr schnell, wenn etwas nicht stimmt. Ja, und auch Bajazzo ahnte es.

Wir haben Bajazzo bei uns Zuhause erlöst, in seinem gewohnten Umfeld, mit uns an seiner Seite. Das waren wir ihm schuldig. Es ging schnell, ohne großes Tamtam und ohne großes Federlesen. Bajazzo fügte sich in sein letztes Schicksal, das wir für ihn auserkoren hatten.

So schnell also geht es, dass ein Herz aufhört zu schlagen. So schnell wird der letzte Funke Leben aus einem Körper gehaucht. Ja, und irgendetwas stirbt in diesem Moment auch in einem selbst – das eigene Herz steht still, man kann nicht mehr atmen und das Blut rauscht in den Ohren. Mühevoll versucht man Luft in die Lungen zu pressen und wieder zu atmen. Mein eigenes Schluchzen beförderte mich dann in die grausame Realität zurück. Ich war in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen, das randvoll mit Trauer, Schmerz & Schuld ist. Ich blickte auf meinen Bajazzo und meinte er schliefe nur … als könnte er jedem Moment aufwachen und freudig auf mich zusteuern. Dass das nicht geschah, ist nur schwer zu begreifen.

Entgegen dem, was viele unnützerweise immer behaupten: „Das war doch nur ein Tier“, war Bajazzo eben nicht nur ein Tier. Emotionale Bindungen kann man auch zu Tieren aufbauen. Beim Verlust ist die Trauer ähnlich schwer zu ertragen. Wir machen keinen Hehl daraus … wir trauern … wir sind voller Schmerz und wir vermissen unseren Bajazzo … jede Minute … und jede Stunde. Der Alltag ist unbarmherzig der gleiche, nur fehlt einer, der nicht wieder kommt. Damit müssen wir erst einmal fertig werden und wir müssen uns in einen neuen Alltag ohne ihn einfinden.

Auch drängen nun immer wieder Schuldgefühle an die Oberfläche. Schuldgefühle, ob wir in den letzten Wochen nicht doch etwas versäumt haben. Etwas nicht bemerkt haben. Vielleicht hätten wir Bajazzo da noch helfen können, wenn wir nicht so blind gewesen wären?

Jetzt, kurze Zeit „danach“, befinde gerade ich mich inmitten des Loches. Trauer, Schmerz & Schuld sind überwältigend, das Begreifen noch fern, an ein Verarbeiten ist noch nicht zu denken. Der Schmerz kommt in Wogen. Nach kurzer Zeit der Ruhe, in der man meint den Rand des Loches schon erspähen zu können, kommt eine neue Woge und reißt einen rücksichtslos zurück an den Boden des Loches. Wie es weiter gehen soll? Derzeit noch gar nicht.

Jetzt beginnt der harte und steinige Weg der Trauerarbeit. Die Tränen werden noch lange Zeit fließen. Der Schmerz aber wird als Begleiter noch länger verweilen, da werden die Tränen bereits versiegt sein. Die nötige Zeit zum Trauern, Begreifen und Verarbeiten aber werden wir uns einfach nehmen, ungeachtet dessen, dass „das Leben weitergeht“ oder dass „wir uns nicht so haben sollen“.

Bajazzo ist nun an einem besseren Ort. Vielleicht. Vielleicht ist das ganze Gerede vom Hundehimmel ohne Schmerzen und ohne Fallsucht auch nur völliger Quatsch. Aber eines ist eine solche Vorstellung … beruhigend. Sie spendet uns Zurückgebliebenen ein wenig Trost. Und, wer weiß, vielleicht sehen wir uns eines Tages, an einem Ort, der in den Sternen liegt, wieder. Wünschen würde ich es mir.

Bajazzo war ein fester Bestandteil unserer Familie, er war Hundekind, Kamarad und mein Seelenverwandter auf vier Pfoten.

Bajazzo, wir danken dir für die gemeinsame Zeit … für die vielen, vielen schönen Stunden … für die Freude, die du uns beschert hast … und für deine Treue, die ohne Fehl war. Du warst ein toller Hund mit einem guten Herzen.

Gern hätten wir mehr für dich getan.

Bajazzo, du fehlst uns!

Danken möchten wir auch Bajazzos Ärzten, für die fabelhafte Betreuung, die so oft über das Medizinische hinausreichte und für den pietätvollen und einfühlsamen Abschied.

Lieber Leserschaft, es gibt erfreulichere Beiträge so kurz vor dem ersten Advent, aber schlimme Dinge geschehen … unabhängig von dem Zeitpunkt, der einem selbst am liebsten wäre. Irgendwann lesen Sie wieder von mir, vielleicht schon nächste Woche, vielleicht auch erst in 4 Wochen oder gar erst nächstes Jahr. Aber irgendwann werde ich mich wieder bei Ihnen melden.

 

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5 Kommentare zu “Scheiden tut weh

  1. Es tut mir so unendlich leid.
    Sätze wie „es war doch nur ein Tier“ ekeln mich an.
    Als mein Domino starb,er war ein Kaninchen und wir lebten 13 Jahre zusammen, brach für mich eine Welt zusammen.
    Ein Familienmitglied musste gehen und wurde aus meinem Leben gerissen.
    Ich kenne dieses Gefühl des schlechten Gewissens,hätte man noch mehr machen können;was wäre wenn.
    Aber ihr habt alles richtig gemacht und nehmt euch so lange zeit zum trauern;wie ihr sie benötigt.
    Die einen brauchen mehr;die anderen weniger zeit.
    Ich wünsche euch alle mögliche Kraft,die ihr braucht
    Alles liebe jen

  2. Liebes Froilein,

    da denkt man, dass das Schöne uns vom Traurigen ablenken kann. So schöne Bildervom Fräulein. Aber wenn ein Familienmitglied gehen muss, dann bricht unsere Welt zusammen. Diese kleine Welt, die nur perfekt war, wenn ein kleiner Boxerhintern angwackelt kam. Egal, wie lange er vorher auf uns gewartet hat, niemals beleidigt, immer gut gelaunt. Acht gemeinsame Jahre sind viel zu schnell vorbei. Euer Boxerbim war von Anfang an Familienmitglied. Und so ist es schön zu wissen, dass Ihr ihm bis zuletzt die Pfote gehalten habt und er wusste, dass er geliebt wurde. Es ist so traurig. Wir sind mit Euch traurig. Und wir versprechen Euch, dass wir Euch trösten werden. Und Euch natürlich die Treue halten werden. Denn Ihr seid uns so sehr an Herz gewachsen. Ihr tragt einen wundervollen Boxerjungen im Herzen. Für immer. Und das macht Euer Boxerkind unsterblich. Einmal Herzenshund, immer Herzenshund!
    Leise Grüße
    Stefy mit Claralotti

  3. Liebe Olivia,
    ich bin sehr traurig über Ihren Verlust und kann Ihre Trauer so gut nachfühlen. Sie haben vor einiger Zeit Ihrem treuen Gefährten schon einmal einen sehr rührenden Blogbeitrag gewidmet. Seien Sie sicher, er wird auch in unseren Herzen bleiben. Sie haben ihm in meinen Augen ein wundervolles Familienleben geschenkt, und ich bin mir sicher, er ist Ihnen von ganzem Herzen dankbar dafür. Ich sende Ihnen eine sanfte Umarmung und werde heute Abend ein Kerzlein für Bajazzo anzünden.
    Alles Liebe senden Ihnen
    Madame C. und die beiden Mademoiselles

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