Boxerbim & der Dämon

Werte LeserInnen,

irgendwann vor langer, langer Zeit kam dem Gatten und seinem Froilein eine glänzende Idee. Ein Hund wäre doch etwas Feines und man könnte doch solch einer armen Seele ein neues und liebevolles Zuhause schenken. Sie wissen doch wie das so ist … wenn sich die Partnerschaft allmählich festigt. Dann lechzt man nach etwas Eigenem … nach etwas Gemeinsamen. Wir entschieden uns damalig für einen knuffigen Boxerwelpen (der Minimann war da ja noch Quark im Schaufenster) und es kann nie schaden sich zunächst in der Hundeerziehung zu erproben ehe man sich den lieben, kleinen Kinderlein widmet. Liebe Leserschaft, Sie ahnen es sicher schon, der heutige Beitrag widmet sich meinem treuen Freund auf vier Pfoten. Ein Beitrag, der mir schon lange auf der Seele brannte, zu dem ich mich aber bislang nicht aufraffen konnte … oder wollte. Da aber die letzten fotografischen Aufnahmen während eines gemütlichen Abendspazierganges mit dem grauen Sofa-Wolf entstanden, fasste ich mir endlich ein Herz und begann zu schreiben. Manches Mal braucht es nur einen kleinen Schubser in die richtige Richtung.

Einen Boxer findet man entweder ganz klasse … oder eben nicht. Man sagt gern, dass diese Rasse nur etwas für echte Liebhaber sei. Das ist mir ein Rätsel, denn Boxer sind fantastische Hunde mit einem besonderen Sinn für Humor … und mit einem guten Herzen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich dem Boxerbim das erste Mal in seine liebenswerten Hundeaugen blickte … vor 8 Jahren bei einem Züchter … und ja, da hatte er noch mehr Ähnlichkeit mit einem Meerschweinchen … und zwar mit einem wirklich hässlichen … als mit einem stattlichen Boxerrüden. Aber mein Herz hatte er schon da erobert. Einige Wochen später kam der große Tag an dem wir die arme Seele aus den Fängen des Züchters befreiten und voller Stolz und Freude mit nach Hause nahmen … und an dem wir hofften, dass der kleine Hundemagen mit der langen Autofahrt zurecht kommen würde. Wie arm die Hundeseele dann wirklich war, erahnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner von uns. Da war er also … Boxerbim … inmitten der Provinz und inmitten der knappschen Sippe. Binnen kürzester Zeit wurde er zu einem festen und unumstößlichen Bestandteil unserer Familie. Wer einen Hund ausschließlich in einem Zwinger und vom Familienleben gänzlich fern halten möchte, der sollte eher über die Anschaffung einer Vogelspinne sinnieren. Ein Hund gehört für mich zu meinem Leben, wie der Nußknacker zur erzgebirgischen Weihnachtszeit. Das war so, das ist so und das wird so bleiben.

Boxerbim war ein überaus knuffiger Welpe und den „ich kann kein Wässerchen trüben“-Blick beherrschte er schon im zarten Alter von 12 Wochen tadellos und glauben Sie mir, er versteht es noch heute jenen Blick immer dann gekonnt aufzusetzen, wenn es brenzlich für ihn werden könnte oder wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Frau Mutter kann sich noch sehr lebendig an seine Zahnungsphase erinnern, in der er mit Vorliebe ihre Schuhe in den heimischen Garten schleifte, um dort in aller Ruhe und genüsslich an den Absätzen herumzunagen, bis diese anmuteten wie ein handelsüblicher Kauknochen im Dauereinsatz. Aber wirklich gram konnte selbst sie ihm nicht sein. Oder als sich das Sofa-Thema stellte, das alle glücklichen Hundebesitzer nur allzu gut kennen, wusste er sein Frauchen mit diesem Blick bis in alle Ewigkeit zu überzeugen. Der Gatte sagt ja immer gern: „Olivia, das hast du versaut!“ Das möchte ich auch nicht bestreiten, aber es konnte doch keiner ahnen, dass dieses knuffige, kleine Fellding – ausgewachsen und mit 35 Kilogramm auf der Waage – so viel Platz auf dem Sofa benötigen würde. Ja, ein Boxer versteht es bravourös sich richtig breit zu machen und einmal ehrlich auf dem Sofa und halb an und halb auf dem Froilein ist es doch viel bequemer als mutterseelenallein in einem seiner 3 Hundebetten (Einen Futterständer besitzt der Boxerbim übrigens auch und eine Leine, die natürlich farblich zum Halsband passt.). Sie lesen richtig, ein Boxer ist gemeinhin ein wahrer Schoßhund, ob auf dem riesigem Chaiselongue oder auf der schmalen Gartenliege. Auch ist so ein Boxer äußerst neugierig (er macht sich immer gern beim Auspacken der Einkäufe nützlich), spielfreudig (er jagt auch zum gefühlten 100sten Male hochmotiviert dem rosa Ball hinterher), anhänglich (so muss man sich im Dunklen nicht mehr allein zu den Mülltonnen durchschlagen), treudoof, kinderlieb … und voller Anmut. Wenn sich nämlich Boxerbim auf dem Rücken liegend – alle Viere von sich gestreckt – wälzend durch den Garten bewegt und dabei schnieft und grunzt wie ein asthmakrankes Pferd oder wie ein Durchschnittsschwein, sind wir immer ganz hin und weg von seiner Grazie.

Liebe Leserschaft, nun muss ich leider einen traurigeren Ton anstimmen. Irgendwann einmal offenbahrte ich Ihnen, dass unser lebensfroher Boxerrüde einen Dämon in sich trägt, an dem er selbst nicht die geringste Schuld trägt. Das Schlimmste an Epilepsie ist wohl, dass sie weder vorhersehbar noch berechenbar ist. Man weiß nie wann der nächste Anfall kommt und wie schlimm er verläuft. Ist es dann soweit, hockt man neben seinem krampfenden Hund, streichelt ihn und leidet selbst wie ein Hund, da man ihm nicht helfen kann. Aus Minuten werden Stunden, in denen man inständig hofft, dass das Krampfen nicht in einem Status epilepticus gipfelt aus dem es kein lebendiges Zurück mehr gibt. Hilflosigkeit wäre somit eine weitere häßliche Fratze dieses Dämons. An Bajazzos ersten Anfall kann ich mich noch sehr gut erinnern und auch an seinen zweiten. Danach begann eine endlose Odysee von Tiermediziner zu Tiermediziner, gespickt mit weiteren Anfällen, die sich bereits zu Anfallsserien gesteigert hatten. Bajazzo war zu diesem Zeitpunkt noch keine 2 Jahre alt, als ihm die Diagnose primäre Epilepsie gestellt wurde. Wir warfen unseren bisherigen Alltag über den Haufen und ließen den nötigen Raum zu, den er und diese einnehmende Erkrankung benötigten.

Etliche Anfälle später, stumpften wir dann ein wenig ab. Es entriß uns nicht mehr den Boden unter den Füssen, wenn Bajazzo einmal mehr das Bewußtsein verlor und auf der Seite liegend wild mit seinen Beinen ruderte. Dieses Abstumpfen machte Einiges erträglicher, ansonsten hätten wir wahrscheinlich eines schönen Anfallstages den Verstand verloren und damit wäre ihm sicherlich am wenigsten gedient gewesen. Die Anfälle waren das eine, die unmittelbare Zeit danach das andere. Wenn nämlich der sonst so aufgeweckte und „normale“ Bajazzo blind & orientierungslos, sich kaum auf seinen starken Beinen haltend, durch die Gegend steuerte und sich wohl selbst am meisten fragte: „Was ist gerade mit mir geschehen?“. Diese Zeit nach dem Krampfen, die sich oftmals stundenlang hinzog, verlangte uns sehr viel mehr ab, als das Krampfen selbst. Fassungslosigkeit wäre also eine weitere Facette dieser Erkrankung. Fassungslosigkeit darüber, wie ein Defekt im Hirn „soetwas“ anrichten kann. Und da standen wir mit unserem stolzen Boxerrüden aus sehr gutem Hause, der körperlich kerngesund war und der unter Fallsucht litt, welche sich irgendwie nicht eindämmen oder händeln lies. Die Medikamente, die ihm eigentlich helfen sollten, zeigten kaum Wirkung, dafür aber allerhand Nebenwirkungen. Bajazzo veränderte sich allmählich und es stand fest, auf Dauer würde sein gesunder Hundekörper diese Vielzahl an Anfällen nicht bewältigen können. Es wurden leise-sacht Befürchtungen laut, er sei gänzlich therapieresistent. Was hätten Sie an unserer Stelle getan? Einen eigentlich „kerngesunden“ Hund eingeschläfert oder hätten Sie vielleicht auch nach einem letzten Strohhalm gegriffen? Unser letzter Strohhalm war vor vielen Jahren ein Tierneurologe, dem wir nicht nur einen besseren Umgang mit der Epilepsie zu verdanken haben sondern auch eine geeignete Medikation. Etwa 1 Jahr nach seinem ersten Krampfanfall waren wir erprobt im Umgang mit den Medikamenten und unserem epileptischen, veränderten Hund und hatten die Fallsucht für Bajazzos Verhältnisse gut im Griff. Bajazzo ist seitdem nicht gänzlich anfallsfrei, das zu behaupten wäre schlichtweg gelogen. Aber, und das ist schon ein großer Erfolg seiner Therapie, seine Anfälle verlaufen bei Weitem nicht mehr so schlimm und er erholt sich sehr schnell von ihnen. Anfallsserien haben Seltensheitscharakter und auch die Abstände zwischen den einzelnen Anfällen sind größer geworden. Bisweilen waren sogar längere anfallsfreie Zeiten dabei. Das ist mehr als wir uns zu hoffen gewagt hätten und ein nicht zu unterschätzender Zugewinn an Zeit, der es Bajazzo und uns ermöglichte zwischen den Fallsucht-Attacken einfach Luft zu holen und eine ganze normale Familie mit einem liebreizenden Hund zu sein.

Ich möchte nichts beschönigen und Sie bestimmt bei diesem heiklen Thema nicht anlügen, die darauffolgenden Jahren waren gewiss nicht nur Friede, Freude & Eierkuchen. Es gab allerlei Rückschläge oder „neue Baustellen“, die sich aus seiner Krankheit oder aus dummen Zufällen heraus ergaben – ein empfindlicher Allergiker zu sein, fordert nämlich auch seinen Tribut. Auch heute gibt es schlimme Phasen, in denen keiner von uns mutmaßen kann, wie sie ausgehen werden. Aber noch immer überwiegen die schönen & ruhigen Zeiten, die für alle bangen Momente mit & um Bajazzo entschädigen. Dann treten wir der Epilepsie gemeinsam kräftig in den Hintern. In die Knie gezwungen hat uns dieser Dämon bislang noch nicht. Bajazzos körperliche Verfassung war (und ist) wohl besser als jeder Tierarzt vermutet hatte. Warum erzähle ich Ihnen das alles? Ich sagte einmal zum Gatten: „Eines Tages werde ich auf das Schicksal unseres Hundes aufmerksam machen“ – kommt Zeit, kommt Mut und die geeignete Plattform. Zum einen möchte ich für das Thema Epilepsie beim Hund sensibilisieren und zum anderen möchte ich aufzuzeigen, dass ein Hund mit einer derartig ausgeprägten Form der primären Epilepsie dennoch ein zufriedenes & langes Leben im Rahmen seiner Möglichkeiten führen kann. (Insofern die Besitzer natürlich bereit sind, diesen steinigen Weg mit ihrem Hund zu bestreiten, denn es ist nicht nur eine enorme mentale Belastung, auch der finanzielle Aspekt ist nicht zu unterschätzen.). Eines aber würde ich mir von Herzen wünschen … dass diese Erkrankung auch in das Bewußtsein aller Züchter vordringt und, dass Hunde, die daran erkranken, konsequent von der Zucht ausgeschlossen werden. So nämlich könnte man diesen furchtbaren, vererbbaren Dämon an seiner Ausbreitung hindern. Denn Hunde, die an primärer Epilepsie erkranken sind bedauerlicherweise keine Seltenheit mehr.

Bajazzo feierte im Juni seinen 8. Ehrentag. Für einen Boxer eine beachtliche Leistung. Für einen Boxer mit seiner Krankengeschichte ein echtes Wunder, für das wir sehr dankbar sind. Nun ist Bajazzo nicht mehr der Jüngste, das Aufstehen klappt nicht mehr so gut, die Spaziergänge werden kürzer, die Schlafzeiten dehnen sich aus und auch die jahrelange Medikation und sein Alter zeigen allmählich ihre Auswirkungen. Die Anfälle häufen sich wieder. Diesmal aber werden sie sich nicht mehr zurückdrängen lassen, dazu ist sein Körper schlichtweg zu alt. Unsere gemeinsame Reise neigt sich allmählich ihrem Ende. Und leider hat es das Leben so vorgesehen, dass alles irgendwann einmal endet, ob man will oder nicht … ob man darauf vorbereitet ist oder nicht … ob man an Epilepsie erkrankt ist oder nicht. Dabei denke ich, ist es völlig gegenstandslos wie viel Zeit man miteinander verbringen durfte, ob nur einige Jahre oder etliche Jahrzehnte … bereit zum Abschiednehmen ist man nie. Die Frage, ob es ein Segen ist, die Möglichkeit zu besitzen, den geliebten Vierbeiner eigenmächtig zu erlösen, mag ich nicht beantworten. Zweifelsohne verlassen mehr Vierbeiner mittels oder dank Euthanasie diese Erde als dass sie eines natürlichen Todes gehen und auch bei Bajazzo ist ein natürlicher Tod sehr unwahrscheinlich. Mich aber graut es davor und ich weiß, dass es furchtbar werden wird, diese endgültige Entscheidung zu fällen … von der Zeit der anschließenden Trauer ganz zu schweigen. Freilich erspart man seinem treuen Gefährten viel Qual und erweist ihm einen letzten, großen Dienst der Liebe, aber es fällt wohl keinem leicht über Leben und Tod zu entscheiden. Ich möchte nun nicht gänzlich in finsterer Kümmernis versinken, noch nämlich geht es unserem Hundeopa ganz gut und wir hoffen noch auf einige schöne Wochen, vielleicht auch Monate mit ihm. Und bis der unausweichliche Tage des Adieu-Sagens polternd durch unsere Tür trampelt, genießen wir die gemeinsame Zeit mit unserem treuen Gefährten, der so wenig braucht um zufrieden und glücklich zu sein … ein voller Futternapf, ein Spaziergang, ein Ballspiel, ein paar liebe Worte und Streicheleinheiten … mehr braucht es nicht. „Dafür aber bleibt er einem im Sturme treu.“

Liebe Leserschaft, Bajazzos ganzes Hundeleben passt nicht in einen einzigen Beitrag. Vieles blieb heute unerwähnt, vieles wurde nur angerissen oder verkürzt dargestellt. Dennoch hoffe ich, Ihnen meinen treuen Freund etwas näher gebracht zu haben und mit ihm diese fürchterliche Krankheit. Sollten Sie Fragen haben, dann scheuen Sie sich nicht diese zu stellen.

Es grüßt Sie von Herzen Ihr Froilein Olivia

 

 

 

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3 Kommentare zu “Boxerbim & der Dämon

  1. Hierzu möchte ich noch etwas loswerden:
    Liebes Froilein Olivia, ich danke Ihnen für diesen wundervollen und traurigen und dennoch wiederum tröstlichen Beitrag. Der gute Bajazzo ist, würde man ihn persönlich fragen, ein glückliches Familienmitglied, denn er hat Sie, die Sie sich rührend um ihn kümmern und ihm seine Last zu nehmen versuchen. Mehr kann ich gerade nicht sagen, Ihr Bericht hat mich sehr berührt.

    Es grüßen vom Rheine Mme C. und die beiden Mademoiselles mit winkenden Pfötchen

    • Liebe Madame, Ihre Worte machen mir erneut den Tag hell und Sie sprechen einen entscheidenden Punkt an … aber … bisweilen kommt von irgendwo her, urplötzlich das schlechte Gewissen und die bange Frage: „Hätten wir nicht doch noch mehr für Bajazzo tun können?“ Das sind die unsrigen Dämonen, die wir in mühevoller Seelenarbeit immer wieder zurück in ihre finsteren Löcher stopfen. Dann aber sind wir wieder voller Dankbarkeit für viele schöne Jahre … und voller Gier für weitere schöne Jahre, was natürlich gänzlich utopisch ist. Ein Teufelskreislauf, aber so ist wohl das Leben. Liebste Grüße zu Ihnen und Ihren Samtpfötchen

      • Immer eine schwierige Sache, die Pflege der uns Anvertrauten. Mich quält oft das schlechte Gewissen, ob ich meinen beiden Mademoiselles genug Aufmerksamkeit entgegenbringe, da ich oftmals länger aus dem Haus bin. Dafür dürfen sie es sich während der Arbeitszeit auf mir bequem machen. Bekommen sie das richtige Futter? Sollte ich öfter zum Tierarzt? Ist es draußen eh viel schöner als drinnen bei Mutti? Nicht vergleichbar mit Ihrer Situation, denn meine beiden scheinen kerngesund, zumindest physisch. Doch solange ich in regelmäßigen Abständen mit erlegten Kleinnagetieren bedacht werde, scheint ihre kleine Welt in Ordnung zu sein …

        Schauen Sie doch einmal in Bajazzos treue Augen. Was lesen Sie darin? Sehen Sie …

        Herzliche Grüße, Mme C. mit den Mlles M. und S.

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