Kätspektakel & Hausfrauenchic

Werte LeserInnen,

mögen sie eigentlich Jahrmärkte oder Rummel oder dergleichen? Ja? Dann würden Sie sicherlich Gefallen an der Annaberger Kät finden … oder dem größten Volksfest des Erzgebirges, wie ein Slogan so schön verkündet. Na, jedenfalls war die Provinz vergangene Woche wieder in heller Aufruhr, denn für 10 Tage verwandelte sich der Festplatz der idyllischen Berg- und Adam-Ries-Stadt Annaberg-Buchholz in das bunte Treiben einer Kirmes. So, und wenn endlich einmal in unseren Gefilden etwas los ist oder es eine Bratwurst zu erwerben gibt, dann muss das Froilein daran natürlich auch teilhaben … mit dem Gatten und dem Minimann im Schlepptau. Frau Mutter und Herr Vater durften dabei auch nicht fehlen. Familienausflüge sind fabelhaft … und zum Schreien komisch, wie Sie gleich sehen werden. Damit hätte sich der erste Teil des reißerischen Titels erklärt. Was die Garderobe betrifft, die in keinem Beitrag des Froileins fehlen darf, präsentiere ich Ihnen heute eine Montur aus der Sparte Vintage mit Hausfrauencharme, bitte schön:

Eine Hauptattraktion der Annaberger Kät ist zweifelsohne das imposante Riesenrad. Und da dies nicht zu übersehen ist, blieb es von unserem Minimann auch nicht lange unbemerkt. „Papa, ich möchte mal fahren!“ Es ist freilich verständlich, dass Kinderkarussells den höchst mutigen Nachwuchs schnell ermüden können, aber ein Dreijähriger in einem Riesenrad, dessen einzelne Gondeln den Fahrgast in eine Höhe von 48 m befördern, ist vielleicht nicht gerade die beste Idee. Und wie reagiert man als verantwortungsvolle Erziehungsberechtigte in solch einer Situation? Richtig – man versucht den Nachwuchs gekonnt von seinem Wunsch abzubringen, auch wenn man dann vielleicht der Spielverderber der Nation ist. Denn – und das wissen Sie und das weiß ich, nur der Minimann, der weiß das nicht – einmal oben angekommen ist ein Ausstieg ohne Weiteres schlecht möglich. Da muss das liebe Kind dann nämlich durch, auch wenn es spontan und unter Verlust seines Mutes entschieden hat, dass Riesenrad fahren doch nicht so erquicklich ist. Es half alles Gerede mit Engelszungen nicht, der Minimann wollte fahren. „Mama, mitfahren.“ Ja, warum eigentlich nicht. Frau Mutter und Herr Vater zogen den sicheren Erdboden vor, denn Frau Mutter hat es nicht mit luftiger Höhe und der Herr Vater kann doch so schlecht sitzen, nicht weil er Beschwerden mit eventuellen Hämorrhoiden hätte. Nein, ihm bereitet sein Rücken in letzter Zeit wenig Freude. Und so schwangen sich die jungen Wilden in die Gondel Nummer 27. Wir standen am Anfang der Schlange voller gespannter Riesenradfahrer und durften demzufolge ratzfatz eine Gondel besteigen – ein Segen … oder auch nicht. Denn in Sachen Riesenrad bedeutet der Zustieg etlicher Fahrgäste, dass die bereits bemannten Gondeln stetig ein Stück (oder die Länge von 3 Gondeln) in die Höhe gefahren werden, um den anderen Wartenden die Möglichkeit der Gondelerklimmung zu gewähren. Alles andere würde freilich einer Kletterausrüstung bedürfen, und wer hat die schon bei sich. Also bewegte sich Gondel Nummer 27 immer wieder und völlig unverhofft, ruckelnd in die Höhe, hielt an und weil das Ganze wenig geschmeidig vonstatten ging, schwingte Gondel 27 dann fröhlich hin und her. Da war das Froilein das erste Mal grün im Gesicht. „Mama, geht es dir nicht gut?“ Gefühlte Jahre später, ich war dankbar dafür, die Erdbeerbowle, welche ich mir bei jedem Kätbesuch gönne, nicht schon genossen zu haben, ging die Fahrt los. Und da war das Froilein das zweite Mal grün im Gesicht bei dem Affentempo und der abwechselnd kleiner und größer werdenden Landschaft. „Mama, guck mal, da ist der Pöhlberg.“ „Denn muss ich nicht sehen, den kenne ich schon.“ Fragen Sie mich also nicht, ob die Aussicht schön war – keine Ahnung, ich habe meine Füsse angestarrt, wenn meine Augen überhaupt einmal geöffnet waren und glauben Sie mir, hätte ich gekonnt, wäre ich vorzeitig ausgestiegen. „Mama, bist du noch nie Riesenrad gefahren?“ Selbstverständlich – früher mit meinem Herrn Papa, aber wie Sie wissen, war früher irgendwie alles besser … und auch besser zu verkraften. Und wie ertrug der Minimann, dem eigentlich unsere größte Sorge galt, die haushohe Qual? Der störte sich weder an der Höhe, noch an dem Geschaukel und freute sich seines Lebens. „Papa, ich möchte nochmal fahren.“ „Aber ohne die Mama, die geht jetzt nämlich Bowle trinken und versucht (unter dem höhnenden Gelächter der Frau Mutter) ihre rosige Gesichtsfarbe wiederzufinden.“

Höchste Zeit, nach der Aufregung, auch dem Hunger ein Schnippchen zu schlagen, denn zu einem Besuch des größten Volksfestes im Erzgebirge ist neben der Erdbeerbowle auch jedes Mal eine delikate Bratwurst Pflicht … und zwar die 1/2 Meter Bratwurst – das Froilein ist eben ein Gewohnheitstier und oft hungrig. Für alle unter Ihnen, die sich nun vorstellen, wie das Froilein mit einer 50 cm langen Bratwurst kämpft, keine Sorge, diese wird geteilt und wandert in ein handliches 20 Zentimeter-Bäckereiprodukt. Es folgte also der erste, große und genüssliche Bissen in die Semmel mit der Bratwurst innendrin und der Extraportion Senf obendrauf. Die Welt könnte so ein schöner Ort, wenn … ja wenn es nach dem ersten Bissen nicht immer das Gleiche wäre und ein flüchtig bekannter Mitmensch des Weges käme, der einen natürlich erpicht und dann auch noch freudig auf einen zusteuert. Und da steht man dann, mit vollem Mund (voller geht gar nicht), die Mundwinkel strotzen vor Mostrich (die stille Rache der Extraportion Senf) und oberhalb des Busens funkelt eine hübsche Ansammlung diverser Semmelkrummen. Gesellschaftsfähig wäre in diesem Moment etwas anderes … damenhaft auch. Das euphorische „Hallo“ des Bekannten wird lediglich mit einem zaghaften Kopfnicken erwidert, denn sprechen kann man wahrlich nicht und sollte man mit vollem Mund auch niemals tun, insofern man möchte, dass die Bratwurst im eigenen Magen landet und nicht auf dem Poloshirt des Gegenübers. Aber leider ist es dann fast immer so, dass der Mitmensch eben nicht einfach abwartet bis sich das zerkleinerte Allerlei den Weg in Richtung Speiseröhre bahnt. Nein, er setzt zu einer endlosen Kette banaler Fragen an, getreu dem Motto Nur weil du gerade nicht sprechen kannst, ich kann es sehr wohl: „Was macht ihr denn hier?“ (Bratwurst essen?) „Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen!“ (5 Minuten später wäre demnach auch nicht tragisch gewesen…) „Wie geht’s Euch denn so?“ (Mit Bratwurst im Magen ginge es uns besser.)“ So, und da man nicht mit schlechten Manieren oder purer Unhöflichkeit glänzen will, versucht man möglichst schnell den großen Bissen halb zerkaut hinunterzuschlucken. Das gelingt in den seltensten Fällen und schon gar nicht unter Zeitdruck. Also verschluckt man sich arg fies und erleidet einen nicht enden wollenden Hustenanfall, bei dem die Atemnot das eine ist … die fliegenden Brocken das andere wären (Ja, man hatte es sich durchaus vorgenommen, den Herrn nicht vollzuspucken, aber nun ja … nicht alles gelingt einem mit Bravour, insbesondere nicht, wenn der Gatte einem ekstatisch auf dem Rücken herumklopft). So, und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, verteilt man im nackten Überlebenskampf auch noch die Hälfte der Extraportion Senf auf dem nagelneuen Kleid. Liebe Leserschaft, das hatten wir schon einmal so ähnlich, vielleicht erinnern Sie sich. „Ich lasse euch mal in Ruhe essen, vielleicht sieht man sich später nochmal, machts gut“, sprach es und machte sich wischend von dannen. Fantastische Idee und Kopfnicken – gesprochen hat das Froilein zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges Wort, dafür aber wunderschön geröchelt. Gut, auf diese glorreiche Idee hätte der nette Herr auch früher kommen können, dann wäre dem Froilein mit dem hochrotem ich ringe gewaltig nach Luft-Kopf nicht der Appetit vergangen. Jetzt noch eine Runde Riesenrad und die Stimmung wäre gänzlich im Keller. Oder eine Fahrt mit der Geisterbahn und das Froilein wäre in Tränen ausgebrochen. Denn die Geisterbahn ist nämlich auch so eine Sache oder so ein dunkeldüsteres Kapitel meiner Kindheit. Sie wissen doch wie das ist … als Kind. Da ist man noch leicht zu beeinflussen und lässt sich demnach schnell überreden. Wenn also die geliebte Frau Mutter beispielsweise vorschlägt: „Olivia, wollen wir Geisterbahn fahren“, antwortet man folgerichtig und voller Entzückung „Ja“. Beim ersten Monster hat man dann als schon älteres Kind den Salat und schreit sich die Seele aus dem Leib. Beim zweiten Gruseligen heult man wie ein Baby. Ja, und beim dritten Etwas, das einem das Fürchten lehrt, verkriecht man sich in den Fußraum des Wagens und hofft wimmernd, dass der Spuk bald ein Ende hat, denn Sie erinnern sich, spontanes Aussteigen ist ja nicht. Frau Mutter konnte es nicht fassen. Es ist doch aber eigentlich keine Schwäche sich kurz vor Beginn der Pubertät (so im 13. Lebensjahr) noch wie ein verschrecktes Kleinkind aufzuführen, oder? Seitdem mache ich einen großen Bogen um Geisterbahnen und ganz ehrlich bin ich mental auch noch nicht annähernd bereit, mich diesem furchterregenden und albtraumverursachenden Teil meiner Kindheit zu stellen. „Olivia wollen wir mal fahren?“ „Vergiss es!“ Vielleicht nächstes Jahr … oder gar nicht. Einmal Weichei, immer Weichei – der Minimann hat aber in wenigen Jahren sicherlich seine helle Freude daran – die Oma wird sich freuen.

Eines möchte ich Ihnen noch berichten, denn über den Gatten habe ich mich gewundert und zwar über seine verborgenen Talente. Jeder Jahrmarkt, der etwas auf sich hält, wartet mit allerlei Schießbuden auf. Und an einer kamen wir nach dem Riesenrad- und Bratwursteklat vorbei. Der Gatte guckte ganz verzaubert. „Möchtest du mal schießen?“ Also, diese kleinen Plastikscheiben hätte ich nicht einmal mit einer Keule getroffen, aber der Gatte landete bei 25 Schuss sagenhafte 20 Treffer. Respektable Leistung für einen Herrn, der sich routiniert um den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr gedrückt hat, der aber schießen kann wie ein Berufssoldat. Auch der Herr Vater, welcher wacker seine Armeezeit in der ehemaligen DDR absolvierte und die NVA war nun wahrlich nicht der lustigste Verein, staunte nicht schlecht. Und der Minimann freute sich über den erschossenen Kuscheldrachen.

Widmen wir uns nun der Garderobe, welche für einen Bummel über einen Jahrmarkt beispielsweise eine gute Wahl ist. Die Bilder entstanden freilich nicht im Gedränge auf dem Volksfest sondern in der wunderschönen Anlage eines Kurparkes in unserer Nähe. Ein überaus passabler Rahmen für fotografische Aufnahmen, denn der Kleidung im Stil der 50er oder 60er Jahre haftet bisweilen das ungerechte Vorurteil an, bieder anzumuten. Gut, manchmal, also bei bestimmten Schnitten, Mustern oder Farben, lässt sich das durchaus nicht voll und ganz abstreiten, aber ich würde diese niemals als altbacken bezeichnen, eher als Hausfrauenchic der vergangenen Zeit. Polka Dots sind überaus alltagstauglich und wenn in der Provinz einmal mehr ein frisches Lüftchen weht (in den Höhen eines Riesenrades etwa) ist ein farblich passender Cardigan immer wunderbar. Den kann man sich nämlich geschwind über die Schultern werfen. Einzige Fehl an diesem Kleid sind die unschönen Falten, die es nach einiger Zeit des Tragens und des Sitzens wirft, aber die komfortable Passform entschädigt dafür. Aber keine Fehl ohne Tadel. Der dem Kleid zugehörige Gürtel ist alles andere als ideal, weil der Schnalle der Dorn fehlt, welcher in einem geeigneten Loch für unumstößlichen Halt sorgen würde. Demzufolge weitet er sich bei der kleinsten Bewegung. Ein schmales, weißes Gürtelchen, das in keinem Kleiderschrank fehlen sollte, schafft Abhilfe.

Haarblume: Sophisticated Lady Hair Flowers, Kleid: Collectif Clothing, Cardigan: Orsay, Gürtel: Tatyana, Schuhe: Anna Field (by Zalando), Kette: Bijou Brigitte, Ohrstecker: Collectif Clothing

Es grüßt Sie herzlichst Ihr altbackenes Weichei-Froilein, das auf Volksfesten gern isst und trinkt, die Fuhrgeschäftsbetreiber aber in den finanziellen Ruin treibt.

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