Textiles Heiligtum & der letzte Versuch

Werte LeserInnen,

in der Regel beinhaltet der Kleiderschrank einer Dame eine Menge. Da wären die Bleistiftröcke, die Swingkleider, die vielleicht etwas zu transparenten Blusen – eine Wohltat, dass die Unterziehtops gleich darunter aufbewahrt werden -, die Pullover, die wenigen Beinkleider und eine Vielzahl an Jacken & Mäntel. An dieser Stelle würde ich mir eine weitere Aufzählung verkneifen wollen – Sie wissen ja bestimmt um den vielfältigen Inhalt Ihrer Garderobenaufbewahrungsstätte. Und zwischen all den Frühlingsfummeln, den Sommerfähnchen, den herbstlichen Monturen und der winterlichen Kluft (nicht zu vergessen den Weihnachtsroben) hängt es … das eine … das textile Heiligtum einer jeden Dame – auf dem schönsten Bügel aufgehängt, bisweilen auch voller Ehrfurcht in einen Kleidersack gehüllt und wirklich nur zu einem ganz besonderem Anlass übergeworfen – zu einem Rock ´n´ Roll- Konzert beispielsweise – nun ja, das Froilein und ihre Idiotie. Freilich liebt eine Dame all Ihre Kleiderschätze (vor allem die Fehlkäufe), aber eines (oder einige wenige, ich weiß nun nicht, wie sich das bei Ihnen so gestaltet) liebt sie abgöttisch. Des Froileins Augapfel wäre jenes Kleid:

Headpiece: Jazzafine, Kleid: Stop Staring!, Mantel: Collectif Clothing, Schuhe: Deichmann, Tasche: Kaytie (by Topvintage). Handschuhe: Orsay

Ein wahres Träumchen, dieses Pencilkleid aus dem Hause Stop Staring! – Welche Vintagedame wird bei Schößchen und Schulterpolster nicht schwach und insbesondere bei diesem Hersteller? Also ich schon. Zugegeben, ein solches Kleid gönnt sich Frau in der Preiskategorie nicht alle Tage, aber einmal ist schließlich keinmal. Nun könnte der textile Himmel auf Erden mit diesem Fähnchen so idyllisch sein, wenn da nicht … die Farbe wäre. Einmal ehrlich, finden Sie inbrünstigen Gefallen an Aubergine, an Violett, an Purpur oder an der lila Milkakuh, an dem Veilchen oder an der herbstlichen Erika? Lila rangierte in meiner textilen Gunst lange Zeit an vorletzter Stelle – nur Ocker konnte ich noch weniger abgewinnen. Eine Handtasche in Violett & ein kleines dunkelgrünes Hütchen mit dezenten Farbtupfern in Lila können bisweilen recht entzückend sein und meinen lila Wasserkocher in Gestalt eines Teekessels mit diesen hübschen weißen Punkten mag ich wirklich, aber eine komplette Robe in schonungslosem Lila bei der roten Haarwolle? „Och nö!“ In des Froileins Farbverständnis voller Missverständnisse sind nämlich Lila & Rot zusammen und an dem Froilein nicht gerade die innigsten Freunde: „Die beißen sich ja ganz fürchterlich.“ Dann doch lieber Schwarz, Weiß, Blau, Rosa oder neuerdings vielleicht auch etwas Grün – das Froilein und ihre Couleur-Idiotie.

Nun könnten Sie vehement einwerfen: „Na, du farbenfrohes Froilein, weshalb hast du dir denn das Kleid überhaupt gekauft?“ Ich gestehe, meine Kaufeslust wird von mannigfaltigen Dingen beeinflusst, die Vernunft ist aber nur in den seltensten Fällen mit von der Partie – die bleibt gern einmal vor der Ladentüre treten – und irgendwann wird man sich doch mit der Farbe anfreunden können – bei der Passform, den Schulterpolstern und dem Schößchen. Und irgendwann war dann übrigens an einem lauschigen Herbsttag vergangenen Jahres, da langweilte sich das Fähnchen gerade einmal ein halbes Jahr im Schrank. Das ist durchaus eine annehmbare Zeitspanne, finden Sie nicht auch? Am besagten Tag, vielleicht kommt Ihnen dieses Verhalten bekannt vor, kam sie ganz plötzlich aus ihren inneren Tiefen empor … die spontane farbliche Eingebung: „Lila! Mir ist heute nach Lila!“ Ähnlich ergeht es mir mit dem gelegentlichen Drang nach Beinkleidern. Und da es eben immer besser ist, wenn man hat, als wenn man nur hätte, schnappte ich mir dieses Kleid und stülpte es wagemutig über. Trommelwirbel: Es biss weder meine Haarwolle in das Fähnchen, noch umgekehrt. Im Gegenteil, sie vertrugen sich ganz wunderbar. Fantastisch. Gelegentlich lasse ich mich recht gern in meiner idiotischen Farbauffassung belehren.

Bis zum heutigen Tage ist mir in der Provinz allerdings noch gänzlich schleierhaft, weshalb dieser anmutigen Farbe derart aberwitzige Vorurteile anhaften. Wobei, wenn ich einmal so vor mich hin sinniere, muss ich gestehen, dass ich diese Farbe äußerst selten an anderen Damen erblicke und bei uns in der Provinz schon gar nicht (Kittelschürzen zählen an dieser Stelle nicht) – Ja, ja das kollektive dörfliche Erinnerungsvermögen um „die alte Jungfer“, um „den letzten Versuch“ und um „die Empfängnisverhütung“ (Lila schützt angeblich vor Schwangerschaft – war mir ja auch neu.) –  da erblasst das Hirn eines jeden Durchschnittselefanten vor Neid. Liebe Damen, wie wäre es, wenn wir uns kokett über diese albernen Phrasen hinwegsetzen und erhobenen Hauptes mit der lila Robe unsere Umwelt erfreuen? Wir sind bestimmt so einiges, aber sicherlich nicht frustriert und unsere letzte Versuchung liegt doch noch in weiter Ferne.

Liebe Leserschaft, Sie sehen endlich, endlich hat doch der liebe Schnee das heimische Erzgebirge reichlich ereilt (pünktlich zur Winterferienzeit – die Hoteliers freuen sich ja). Und da wir Gebirgler angeblich so einiges vertragen können, vermag doch auch das Froilein ein Sommerkleidchen bei -2 Grad und später einsetzenden Schneesturm zu demonstrieren, ohne dabei wirklich ernsthaft Schaden zu nehmen – gelobt sei schließlich alles, das abhärtet. „Olivia, jetzt zieh doch mal die Handschuhe aus!“ „Du bist wohl nicht gescheit, es ist verteufelt kalt und den Mantel ziehe ich jetzt auch wieder an!“ Na, wenigstens konnte ich dabei nicht schwanger werden, aber die Abwehrkräfte sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.

Es grüßt Sie Ihr treu ergebenes Froilein Veilchen

Und die Moral von der Geschicht´ – ewige Jungfern gibt es nicht (dem Gatten sei Dank!).

 

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2 Kommentare zu “Textiles Heiligtum & der letzte Versuch

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