Ein Arztbesuch in der Provinz

Werte LeserInnen,
wir schlagen uns in unserer Provinz nicht nur mit einer gehörigen Landflucht herum, nein auch unsere Allgemeinmediziner werden allmählich rar. Da ist bald nix mehr mit dem Bergdoktor oder dem Landarzt Dr. Brock. Viele unserer Landärzte stehen kurz vor dem Eintritt in das Rentenparadies und „junges Blut“ ist wirklich nicht in Sicht. Es half also nichts, ich musste mich umorientieren, denn mein Rentenparadies liegt noch in ferner, ferner Zukunft und das meiner Hausärztin hingegen rückt beängstigend näher. Das „Ohne Ö fehlt dir was“ zur Hand genommen und oh Freude, eine neue Allgemeinärztin nahe meines Wohnsitzes gefunden. Brav und artig vereinbarte ich einen Termin zur Inspektion meines Gesundheitszustandes. Und so machte ich mich vergangenen Montag rechtzeitig, denn ich hasse Unpünktlichkeit, auf den Weg in die Provinz J. zu der neuen Frau Doktor. Dort betrat ich das schmucke Einfamilienhäuschen mit integrierter Praxis und öffnete die Tür zum Wartezimmer. Was ich da sah, verblüffte mich: 10 Minuten vor Beginn der Sprechzeit (13:50 Uhr, mein Termin war für 14:00 Uhr anberaumt) war das Wartezimmer bereits gut gefüllt (brechend voll trifft es vielleicht eher) mit Patienten jenseits der 60, die sich jeweils auf die Stuhlreihen rechts und links des Raumes verteilten – nur auf den Stirnstühlen wollte niemand so recht sitzen – komisch. In der Mitte des Raumes thronte ein übergroßer, länglicher Couchtisch, die 5 Zeitschriften verloren sich da fast. Wer bitte benötigt einen riesigen Couchtisch in einem Arztwartezimmer, es tut doch auch ein einfacher, aber prall gefüllter Zeitungsständer? Wenigstens dudelte keine eintönige Entspannungsmusik im Hintergrund, die an den Soundtrack von Walt Disneys Pocahontas erinnert. Diese Art der Tonkunst ertrage ich wacker einmal im Jahr bei meiner Gynäkologin. Entspannt mich an diesem Ort übrigens nicht im Geringsten, denn welche Dame nimmt schon gern Termine bei ihrem Frauenarzt oder ihrer Frauenärztin wahr. Zurück zum prall gefüllten Wartezimmer: Jetzt befand sich am Ende des Wartezimmers eine Tür mit folgender Aufschrift: „Anmeldung. Bitte einzeln eintreten“. Ich bin wirklich eine große Verfechterin von mehr Diskretion bei Ärzten, denn wer möchte schon gern, dass das gesamte Wartezimmer erfährt, dass man sich einen Scheidenpilz eingefangen hat? Die Schwierigkeit bei dieser Art der Privatsphärenwahrung in J. besteht allerdings darin, dass es nicht ersichtlich ist, ob sich denn nun schon jemand hinter verschlossener Tür anmeldet. Durchgucken kann man ja schließlich nicht. Und das übervolle Wartezimmer war da für mich auch keine Hilfe. Also nach einem lauten und möglichst freundlichen „Guten Tag“ in die Seniorenrunde meine Frage an diese: „Befindet sich gerade jemand in der Anmeldung?“ Simultane Antwort der älteren Herrschaften: „Es hat noch gar nicht angefangen!!!!!!!“ Sensationell. Ich hätte mir ein Schild mit der Aufschrift: „Ich bin neu hier und kann die Uhr nicht lesen (13:50 Uhr)“ umhängen sollen. Hätte ich mich vielleicht erst einmal abwartend platziert, wäre das für meine Wenigkeit weniger peinlich gewesen. Nun denn, so hatte ich zumindest einen gepflegten ersten Eindruck hinterlassen, den ich dann sicherlich noch vertiefen werde. Wer zuerst kommt, malt auch zuerst, oder in diesem Fall: Wer sich bereits 13:30 Uhr im Wartezimmer einfindet, meldet sich eben auch zuerst an und wehe dem, der sich vordrängeln möchte – Vorsicht! –  darüber wachen 14 Augenpaare. In der weisen Voraussicht, dass nun erst einmal viel Zeit verstreichen wird, bis ich durch die Tür am Ende des beigefarbenen Zimmers schreiten werde, schnappte ich mir eine Zeitschrift und nahm gemütlich Platz. Man hat ja schließlich viel Zeit und Verständnis für die Landmediziner und ihren übervollen Wartezimmern mitgebracht. Nun ist das ja in Wartezimmern mit hoher Patientendichte und ohne Hintergrundgedudel prinzipiell so eine Sache mit dem Belauschen anderer Leute Gespräche. Man weiß genau, dass es der eigene Anstand verbietet, kann es aber trotz alle dem nicht lassen ein Ohr zu riskieren (hierbei ausgenommen sind jene Gespräche, welche so laut geführt werden, dass es einem wirklich nicht möglich ist „vorbeizuhören“). Beliebtes Hilfsmittel beim „Zuhören“ ist die abgegriffene Zeitschrift mit dem Erscheinungsdatum von vor 2 Monaten. Dabei versucht man möglichst überzeugend, den ach so spannenden Artikel zu „lesen“, dabei bitte immer schön die Augen von links nach rechts bewegen. Und ist Ihnen bei einem solchen Lauschangriff schon einmal aufgefallen, dass die Gespräche immer irgendwie die gleichen sind? Außer natürlich beim Gynäkologen, da sprechen die Patientinnen nicht miteinander, wahrscheinlich weil es jede für sich im Stillen schon gehörig vor dem Stuhl und den kalten Instrumenten graust. Jedenfalls geht es bei jedem anderen Körperspezialisten zunächst um einen kurzen Wetterabriss der letzten Tage. Dann folgen die neusten Neuigkeiten von der Elfriede und ihrer Familie (Der Christian hat nun doch endlich geheiratet – Alles Gute auch von mir.). Daraufhin werden die eigenen körperlichen Gebrechen gegenseitig thematisiert und dann folgt die seichte Beschwerde, dass doch heute bei der Frau oder dem Herrn Doktor wieder viel zu viel los ist. Und dabei wollte man doch nur ein Rezept holen. Schlussendlich konnte ich „heraushören“, dass die Mehrheit der Mit-mir-im-Wartezimmer-lauernden-Patienten keinen Termin hatten. Na Mensch, macht denn heute keiner mehr einen Termin beim Arzt oder kündigt sich zumindest vorher kurz telefonisch an, um vielleicht zu erfragen, wann denn der geeignetste Zeitpunkt für sein Erscheinen wäre? Huscht denn mittlerweile fast jeder kurz vor dem Kaffeetrinken mit der Elfriede schnell beim Arzt vorbei und hat dann natürlich gar keine Zeit – der Kaffee könnte ja kalt werden? 
Auch wenn es an dieser Stelle nichts mit dem eigentlich Geschreibsel von eben gemein hat, zwei bunte Bildchen zur Leseentspannung:

Shirt: Orsay, Rock: Collectif Clothing, Gürtel: Bettie Page by Tatyana, Schmuck: Fräulein Wildkirsch, Schuhe (auch das Froilein Olivia besitzt die typischen Leisetreter namens Ballerinas): H&M

Und weiter geht es mit dem Text: Pünktlich 14:03 Uhr öffnete sich die Anmeldungstür und eine Arzthelferin flötete versucht freundlich „Guten Tag, der erste bitte“. Und los ging das Schauspiel und rechts von mir ertönten die Worte: „Ich war übrigens die Dritte“. Meinen Glückwunsch. Ich stand an 15. Stelle. Dauer des Anmeldvorgangs oder der Rezeptansage der ersten beiden Patienten betrugt fluxe 15 Minuten. Gehöriges Tempo, das Wartezimmer stöhnte. Und das Froilein Olivia rechnete, wann sie denn der Arzthelferin gegenübertreten wird und freundlich sagen würde: „Schönen guten Tag, ich habe einen Termin oder besser ich hatte einen Termin vor über einer Stunde.“ An dieser Stelle habe ich mich verflucht über mich selbst geärgert, dass ich keinen Zettel und Stift bei mir hatte, denn erstens hätte ich meine Eindrücke gleich zu Papier bringen können und zweitens hätte ein schreibendes Froilein Olivia bestimmt irrsinnig gewichtig ausgesehen. 14:16 öffnete sich die Tür zum heiligen Gral erneut und Frau Arzthelferin flötete meinen Namen und fragte ob ich denn schon da sei. Da war ich platt, und die Senioren um mich herum ebenfalls. Galant aufgestanden und zur Tür stolziert unter dem augenrollenden Blick der anderen Patienten selbstverständlich. Vielleicht hätte ich mir an dieser Stelle folgenden Satz verkneifen sollen: „Ich wünsche Ihnen noch viel Geduld.“ Spätestens da hatte ich es mir mit einem Fünftel der älteren Einwohners J.s wahrlich verscherzt. „Sie sind aber noch nicht bei uns gewesen?“ Nein, ich wollte aber endlich einmal meinen Fuß in ihre gelobte Tür bekommen, für den Fall, dass es mit meinem Gesundheitszustand einmal wirklich schlecht bestellt ist und sich meine eigentliche Hausärztin da bereits in Rente befindet. Jetzt hingegen wurde es befremdlich und zwar in Bezug auf die Diskretion. Ich wurde, nach Chipkarte einlesen und Notfallnummer abfragen, auf einen Drehhocker in Front der Anmeldung zwischengeparkt – Abstand zum Tresen keine 1,5 Meter. Gut, ich musste nicht mehr in die Höhle der Seniorenlöwen, aber bekam sehr deutlich mit, weshalb sich nun genau Patient Nummer 3 und Patient Nummer 4 an diesem regnerischen Montagnachmittag in der Arztpraxis eingefunden hatten. Da war ich mit meinem positiven Diskretionsdrumherum vielleicht doch etwas vorschnell gewesen. Kurze Zeit später durfte ich dann endlich die Frau Doktor kennenlernen. Eine wahrlich nette Frau, mit vollem Verständnis dafür, dass das Froilein Olivia auch mit ihren etwas mehr als 3 Jahrzehnten wissen möchte, wie es um ihre Gesundheit wirklich bestellt ist. „Treiben Sie Sport?“ Ich weiß nun nicht, ob bei dem Vermerk Sportaktivität unbedingt Yoga in einer Patientenakte aufgeführt werden muss, aber bitte. Mein medizinisches Animationsprogramm bestand dann in der Folge aus dem obligatorischen Blutdruckmessen (na hoppla 115/80, sonst dümpelt dieser doch bei 110/60 – ich bin eine wahrlich entspannte Natur) und dem Abhören jedweder inneren Organe (Herz schlägt und Darm arbeitet). Das Geheimnis meines relaxten Daseins möchte ich Ihnen doch gern verraten: Stets jeglichen Groll sofort herauslassen, so ist man den überwiegenden Tag herrlich entspannt. Mein Umfeld kann da übrigens ein Lied von trällern. Liebe Leser, was dann folgte, hatte ich bereits befürchtet: „Wir nehmen Ihnen etwas Blut ab (4 Ampullen), überprüfen Ihren Harnsäurewert (Ich habe doch keine Gicht!), schauen nach Ihren Blutfettwerten (Aha.) und machen noch ein EKG.“ Na, das Kurzzeit-EKG über ganze 60 Sekunden war ja auch ganz entzückend. Da lohnt doch eigentlich nicht einmal der Verbrauch an Desinfektionsmittel und die Mühe jeden einzelnen Nupsi von den vielen Nupsis am Körper zu befestigen – vom umständlichen Entkleiden einmal ganz abgesehen. „Ist das da an Ihren Beinen eine Strumpfhose?“ Nein, ich habe perfekt gebräunte und ebenmäßig glatte Beine und lasse diese gern bei Regen und 12 Grad Außentemperatur etwas frische Luft schnuppern. Und diese werde ich nicht auch noch ausziehen. Also noch zwei Nupsis am Bauch befestigt und eine Minute verharrt. Auswertende Worte der Hügellandschaft auf dem Monitor von Frau Doktor: „Wie aus dem Bilderbuch!“ Mein Leben auch, dachte ich da wieder so bei mir. „Rufen Sie bitte nächste Woche an, wegen der Blutergebnisse“. Na, bis dahin werde ich die Spannung über den Ausgang meiner Blutfettwerte kaum ertragen können. Das war des Froilein Olivias unverschämt langer Bericht über ihren einstündigen Besuch einer typischen Arztpraxis in der Provinz.
Es grüßt Sie Ihr ergebenes Froilein Olivia, welches ein ganz gespaltenes Verhältnis zu Nadeln hat, eine neue Hausärztin ihr Eigen nennt und sich unheimlich auf ihren Termin bei ihrer Frauenärztin im Januar nächstes Jahr freut.

Headpiece: Jazzafine, Shirt: H&M, Rock: Collectif Clothing, Gürtel: Bettie Page by Tatyana, Ohrhänger: Fräulein Wildkirsch, Kette: Fragen Sie mich bitte nicht, bei 10 Perlenketten verliert man die Herkunftsübersicht, Leisetreter: H&M

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